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Menschen & Erinnerungen · Persönlicher Essay

An wen denkst du?

Von Curt Liberty4 Minuten Lesezeit

Ich gehe eigentlich oft davon aus, dass die anderen nicht mehr an mich denken. Dass ich weg bin, sobald wir uns aus den Augen verlieren. Heute Abend war ich mir da nicht mehr sicher.

Angefangen hat es mit einer Doku über das Amazonasgebiet. Irgendwann sind sie hinausgeflogen, in eine große Stadt, nach Quito, Ecuador. Dort lebt eine Freundin von mir, Alba. Sie war früher Modedesignerin in New York. Ich mag sie sehr, wir haben nur selten Kontakt, und einmal hat sie mich eingeladen, sie dort zu besuchen. Ich war nie da.

Während die Kamera über ihre Stadt fuhr, habe ich versucht, die Plätze mit ihren Augen zu sehen. Für mich waren es neue Bilder auf einem Bildschirm. Für sie ist das der gewöhnliche Weg. Sie kennt diese Straßen, sie geht da einkaufen, ärgert sich vielleicht gerade über den Verkehr, während ich staune. Einen Moment lang war ich mehr bei ihr als bei mir, in einem Leben, das dort schon lange real existiert.

Ich habe ihr geschrieben. Nur den Link der Doku, und dass ich gerade ihre Stadt gesehen habe, ihre wunderschöne Stadt, und an sie denken musste. Sie hat sich gefreut, über ein paar Zeilen von jemandem, mit dem sie wenig Kontakt hat. Und mit einem Mal war dieser Mensch wieder da, von dem ich lange nichts gehört hatte. Wegen ein paar Bildern von für mich fernen Dächern.

So ist das mit den Menschen, die man lange nicht sieht. Sie verschwinden nicht, sie sind noch da, irgendwo in einem drin. Sie ziehen sich in die Dinge zurück. In einen Ort, an dem man einmal mit ihnen war. In irgendetwas, das man mit ihnen verknüpft hat, ohne es zu beabsichtigen. Man ruft sie nicht. Sie kommen von selbst.

Wenn all diese Menschen so in mir weiterleben, ohne davon zu wissen, dann lebe ich wahrscheinlich auch in anderen weiter. Und erfahre es nie.

Nur glaube ich es nie so recht. Und der andere glaubt es genauso wenig. Er denkt vielleicht im selben Moment, dass er mir gleichgültig geworden ist, dass es seltsam wäre, sich nach so langer Zeit noch zu melden. Und so schweigen sich zwei Menschen an, jeder sicher, dem anderen nichts mehr zu bedeuten oder aus seinen Gedanken gelöscht zu sein.

Das Einzige, was das für einen Augenblick auflöst, ist der eine Satz. Dass man an jemanden gedacht hat. Er kostet nichts. Und trotzdem sagt man ihn kaum, als müsste man sich dafür rechtfertigen.

Was mich am Ende aber wirklich beschäftigt, ist die andere Seite, der ich den ganzen Abend ausgewichen bin. Wer denkt eigentlich an mich? Und nicht nur die, bei denen die Antwort schön ist.

Das können alte Lieben sein. Aber der Gedanke hört dort nicht auf. Da sind Menschen aus früheren Jahren, aus der Schule, aus Gemeinschaften, die es längst nicht mehr gibt. Manche Namen habe ich verloren, und vielleicht erinnert sich gerade einer von ihnen genau an mich.

Da ist ein Mensch, mit dem ich im Streit auseinandergegangen bin. Er trägt dieselbe Geschichte in sich, aber er erzählt sie sich anders. Und in seiner Fassung komme ich vor, ob ich will oder nicht.

Da sind alte Rivalitäten, Feindschaften. Gerade sie halten einen fest im Gedächtnis, oft länger als manche Freundschaft.

Und da sind Menschen, die ich nie getroffen habe und die dennoch an mich denken, aus Gründen, die ich nie erfahren werde.

Ich weiß nicht, wer an mich denkt, während ich das hier schreibe. Ich habe keine Ahnung. Vielleicht jemand, von dem ich es nie erwarten würde.

Was ich tun kann, ist, es dem einen oder anderen zu sagen, solange ich noch daran denke.

An wen denkst du?

Curt Liberty