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Geld & Wert · Persönlicher Essay

Der eine Cent

Von Curt Liberty4 Minuten Lesezeit

Vor etwa 20 Jahren suchte ich im Internet nach einem Bild, das eine Million als Punkte darstellt, und ich habe es gefunden.

Eine Million einzelne Punkte, dicht an dicht. Ich habe lange hingesehen, weil ich sehen und verstehen wollte, was eine Million wirklich ist. Nicht die Zahl, denn die Zahl ist ja schnell geschrieben, eine Eins und sechs Nullen, und damit erledigt.

Sie ist im Grunde nur eine Kodierung, eine Erleichterung, damit man so große Mengen überhaupt mathematisch und leserfreundlich darstellen kann. Aber was wirklich dahintersteht, diese tatsächliche Menge, die hatte ich bis dahin noch nie gesehen. Und auf diesem Bild habe ich sie dann betrachtet, und ich war ehrlich erstaunt, wie groß eine Million in Wahrheit ist.

Das Thema sollte mir Jahre später noch einmal begegnen, und zwar von einer ganz anderen Seite. Auf einem alten Weg in einer Burg, an einem Sommerabend, neben einem sehr vermögenden Mann.

Ich war zu der Zeit noch Hotelier meines Vier-Sterne-Superior-Hauses und Gastronom mit eigenem Restaurant. Ein sehr erfolgreicher Lebensmittelgroßhändler hatte mich zu einem besonderen Abend eingeladen, in einer kleinen, illustren Runde. Zuerst ein herrlich luxuriöses Essen, danach eine Opernaufführung unter freiem Himmel, oben auf einer Burgruine. Es war einer dieser Abende, an denen einfach alles stimmt, und als die Vorstellung zu Ende war und auf der Bühne die Lichter ausgingen, machten wir Besucher uns gemeinsam auf den Weg, von der Ruine hinunter und zurück in den Ort. Ich hatte Gelegenheit, ein Stück des Weges neben dem Gastgeber zu gehen, einem Mann, dessen Familie seit Generationen sehr wohlhabend ist. So wohlhabend, dass er niemandem beweisen müsste, dass er Geld hat.

Es war schon sehr dämmrig, und im Schein der Wegbeleuchtung sah ich etwas am Boden glitzern. Im selben Augenblick bückte sich links neben mir der Gastgeber und hob die Münze auf, die wir beide gemeinsam entdeckt hatten. Es war nur ein Cent, vielleicht waren es zwei, ich weiß es heute nicht mehr genau. Jedenfalls kein Betrag, für den sich die meisten Menschen heute noch bewegen würden. Viele gehen da einfach daran vorbei, manche bemerken eine solche Münze gar nicht, und wieder andere sehen sie zwar, schämen sich aber, sich danach zu bücken, weil ja jemand zuschauen könnte.

Ihm fiel auf, dass auch ich die Münze gesehen hatte, und er wollte sie mir überlassen. Ich sagte: Nein, nein, Sie haben sie gefunden, sie gehört Ihnen. Und da antwortete dieser schwerreiche Mann ganz beiläufig, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe:

Eine Million ist ohne diese eine Münze keine Million mehr.

In diesem Augenblick musste ich an das Bild mit den Punkten denken. An dieselbe Million, die ich zum ersten Mal in ihrer wahren Größe gesehen hatte. Und nun stand ich auf diesem dämmrigen Weg in der Burg und verstand sie von einer anderen Seite, nämlich dass diese riesige Menge an einem einzigen, winzigen Teil hängt, an einem Cent, den fast alle übersehen. Beides ist wahr, und beides steckte in dem einen Satz, den er so beiläufig gesagt hatte.

Dabei war mir der Gedanke dahinter an jenem Abend längst vertraut, auch wenn ich vorher nicht die Worte dafür hatte. Jahre zuvor hatte ich in einem sehr exklusiven Hotel in New York City beobachtet, dass man den Gästen ihr Wechselgeld nur gereinigt und poliert zurückgab. Dieser Gedanke hat mich als Hotelier fasziniert. Und so hebe ich seither Münzen auf, die niemandem mehr gehören, verlorene, herrenlose Münzen, die ich über die Jahre finde. An meinem Kontostand ändern sie nicht das Geringste, aber ich freue mich bewusst, wenn ich eine finde. Jedes Mal sehe ich dabei den tatsächlichen Wert und damit einen kleinen Teil eines großen Ganzen.

Als der reiche Großhändler sich bückte, tat ich also längst dasselbe.

Zu Hause reinige ich diese Münzen kurz mit Wasser und Seife, damit der stumpfe Belag verschwindet und das Metall wieder glänzt. Danach kommen sie zu den anderen, und zwar in eine durchsichtige Flasche, in der einmal Fiji-Wasser war. Keine edle Schatulle, kein Tresor, sondern einfach eine Kunststoffflasche mit Münzschlitz, die fast jeder andere längst weggeworfen hätte. Mir aber war sie zu schade dafür, weil dieses Wasser für mich immer etwas Besonderes hatte. Es kam vom anderen Ende der Welt, und so trug schon die leere Flasche für mich einen ideellen Wert.

Mit der Zeit ist darin eine beachtliche Anzahl an Münzen zusammengekommen. Lauter kleine Beträge, an denen Hunderte von Menschen achtlos vorbeigegangen sind.

Manchmal halte ich diese Flasche gegen das Licht und denke an den reichen Mann auf jenem alten Weg, der sich als Einziger nach dieser einen Münze gebückt hat.

Nicht, weil er den Cent gebraucht hätte, sondern weil er ihn gesehen hat.

Curt Liberty