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Beobachten & Gestalten · Persönlicher Essay

Der Rand war meine erste Reihe

Von Curt Liberty4 Minuten Lesezeit

Ich spielte mit den anderen Kindern in der Sandkiste. Freunde hatte ich viele. Trotzdem zog es mich immer wieder an den Rand. Dort saß ich gern und sah dann eine Weile zu. Wer wem die Schaufel gab und wer sie sich einfach nahm. Wer gemeinsam etwas baute, wer stritt und mit wem und warum. Und wer sich wieder vertrug. Mich faszinierte schon damals nicht nur das Spiel, sondern auch das, was zwischen uns geschah. Welche Dramaturgie dabei lief. Die Sandkiste war die Bühne, der Rand mein Regiestuhl.

Mit sieben begann ich, Stücke fürs Puppentheater zu schreiben. Richtige Geschichten mit einem kleinen Regiebuch und manchmal einem Mini-Libretto. Sie wurden gespielt und von mir immer gezielter angepasst. Später mit acht komponierte ich mein erstes Lied. Es wurde aufgeschrieben und 1978 bei einem Konzert in Wien uraufgeführt. Dazu kamen kleine Erfindungen und Innovationen. Ideen, wie man etwas verbessern oder etwas komplett neu ins Leben bringen kann, das es vorher nicht gab.

Manches was ich in der Sandkiste gesehen und erlebt hatte, kam in meinen Stücken wieder vor. Nur konnte ich dort entscheiden, wer die Schaufel bekam. Ich konnte dabei auch zwei Figuren zusammenbringen, die einander in Wirklichkeit nie begegnet wären, und sehen, was daraus wurde.

Meine Stücke sollten gespielt werden, ob mich dabei jemand sah, war unwichtig. Diese Frage stellte ich mir damals nicht.

Komponist, Songwriter und Autor wollte ich werden, Konstrukteur und Architekt. Musiker dagegen nicht, obwohl ich mehr als zwölf Jahre lang Musikunterricht erhielt und Block- und Altflöte, Akkordeon, Orgel, Gitarre, Geige, Klavier und etwas Saxophon spielte. Ich wollte viel lieber Neues erschaffen, als auf Bühnen aufzutreten.

Keiner dieser Wege wurde zu dem Beruf, den ich mir damals darunter vorgestellt hatte. Verschwunden ist davon trotzdem nichts. Ich schreibe, kreiere und baue bis heute. Nur in anderen Formen. Auch der interessierte Blick auf Menschen ist mir geblieben.

Vor Kurzem schrieb mir jemand, der mich von früher kennt: Ob es mir Spaß mache, mich immer wieder in der Öffentlichkeit zu zeigen. Und ob mir irgendetwas fehle, weshalb ich das tue.

Das war Kritik, verpackt als Frage.

Nun, es ist nicht mein liebster Teil der Arbeit. Ich muss dafür manchmal Disziplin aufbringen. Das ist die eine Antwort.

Die andere ist genauso schlicht: Mein Name ist mit dem verbunden, was ich aufbaue. Also muss ich mich zeigen, damit es wahrgenommen wird und sich entwickeln kann. Manche Menschen zeigen sich besonders gern. Bei mir ist es anders. Es funktioniert trotzdem.

Beobachten allein hat mir allerdings nie gereicht. Ich wollte immer auch real verändern, entscheiden und bauen.

Die Regie übernehme ich dann gern und trage die Verantwortung dafür, wie etwas gestaltet wird. Auf der Bühne steht danach allerdings oft jemand anderes.

Ich berate beispielsweise Menschen in hohen Positionen oder Menschen, die ein Präsidentenamt anstreben. Mich selbst zieht es nicht dorthin, aber die Mechanismen dahinter und die Wege auf diesen Reisen faszinieren mich.

Ich bin dabei der Architekt.

Was mich Kraft und Disziplin kostet, ist also nicht das Entscheiden. Auch nicht das Gesehenwerden an sich. Wenn das Zeigen jedoch nur dem Zeigen dient, bin ich raus. Wenn es um eine sinnvolle Sache geht, bin ich gern dabei.

Das Kind am Rand der Sandkiste gibt es übrigens noch immer. Heute sitzt es an größeren Tischen.

Bei realen Verhandlungen wird gesprochen, geschwiegen und abgelenkt. Es geht dabei meist um Interessen. Daneben läuft für mich die ganze Zeit etwas anderes mit: Wer sich die Schaufel nimmt, wer sie weitergibt, wer fair ist und wer nur so aussieht. Die meisten ahnen nicht, wie viel sie dabei preisgeben. Wer trainiert ist, zeigt weniger, aber meistens noch genug.

Ich spreche in diesen Momenten eher sehr wenig. Ich lese den Raum und die Menschen, und das ist ruhig und neutral. Erst wenn ich wirklich weiß, wo ich stehe, und was die andere Seite tatsächlich will oder nur spielt, dann lege ich los.

Ähnlich ist es, wenn ich etwas Neues baue. Vieles von dem, was ich tue, beginnt mit einem Bild oder einer Ahnung, die zunächst nur in meinem Kopf oder in meinem Bauchgefühl existiert. Was ist im Leben oder bei einem Projekt wirklich möglich? Ich weiß nicht immer, ob es funktionieren wird. Genau das aber interessiert mich. Zuerst probiere ich es für mich aus.

Wenn es funktioniert und wirklich gut ist, erst dann teile ich es mit anderen.

Curt Liberty