Ich wusste, wie so ein Termin abläuft. Ein Zimmer, zwei Sessel, eine Uhr, auf die man nicht schaut und die man trotzdem die ganze Zeit im Blick hat. Man sitzt einander gegenüber, und damit ist auch schon geklärt, wer von beiden das Problem hat.
1998 war ich derjenige mit dem Problem. Von außen war mein Leben schon gut, und diese Beschreibung stimmte auch. Zwei kleine Kinder, eine Ehe, eine Firma, die lief, ein Tempo, das ich mir selbst ausgesucht hatte. Ich war neunundzwanzig. Innen ging es bei mir um Orientierung, um Zukunft und um einiges an Vergangenheit, das ich noch nicht ganz sortiert hatte.
Diese Dinge wollte ich nicht einzeln lösen. Ich war überzeugt, dass es einen Knoten gab, einen einzigen, und dass sich vieles gleichzeitig lösen würde, wenn ich den fände. Der Druck war wirklich groß, und ich hatte es eilig.
Es gab damals einen bekannten Mentor und Therapeuten. Seinen Namen hatte ich über die Jahre verloren, was mich geärgert hat, weil ich mich an alles andere erinnerte. Er verband Psychotherapie mit Unternehmensstrategie.
Ich rief ihn an. Erst hatte er keine Zeit, aber dann nahm er sich doch welche. Ich solle meine Badesachen einpacken, sagte er.
Der Termin war an einem Badesee, dort, wo die kleinen Wochenendhäuschen stehen. Von mir zu Hause waren es fünfzehn, zwanzig Minuten mit dem Auto. Er verbrachte den Sommer dort mit seiner Frau und seinen Kindern. Ich war pünktlich, ich bin bei so etwas immer pünktlich. Er empfing mich in Badehose. So war ich noch nie empfangen worden.
Es war freundlich und sehr privat, seine Familie ging ihren eigenen Dingen nach, niemand machte ein Aufheben um mich. Ich zog mich in einer Badekabine um, die zu seinem Häuschen gehörte. Zwei Männer in Badehosen, ohne Hemd, Anzug und Krawatte. Halb nackt, und gleich würde ich ihm Dinge erzählen, die sonst niemand von mir weiß.
Die Sonne war heiß an diesem Tag. Ins Wasser zu gehen war eine Befreiung, kühl und angenehm, und wir schwammen eine Stunde, vielleicht anderthalb. Während wir schwammen, besprachen wir das, was ich allein nicht lösen konnte. Jeder konnte sich drehen und wenden, wie er wollte.
Im Wasser sitzt man einander nicht gegenüber.
Er wäre auch ohne mich schwimmen gegangen. Ich war an diesem Nachmittag offen und auch zu erreichen, und das war ich vorher länger nicht gewesen.
Ich fuhr nach Hause und schrieb dann für mich auf, was ich weiter hinnehmen würde und was nicht mehr. Zwei Jahre später fing ich an, unser Hotel zu bauen. Ich hatte aufgehört, um Erlaubnis zu fragen. Ich bin ihm dankbar dafür.
Ich habe seither viele Gespräche in Räumen geführt, die nur für Gespräche gebaut wurden. Dieses eine Gespräch ist mir bis heute geblieben.
Manche meiner Klientinnen und Klienten kennen das inzwischen. Wir gehen draußen einen Kaffee trinken. Wir fahren an einen schönen Ort und essen dort, und die Arbeit läuft weiter, sie war ja nicht unterbrochen. Den Kaffee hätte ich ohnehin getrunken. Manchmal ist es eine Stunde, manchmal eine ganze Reise. Wer das mit mir erlebt hat, weiß jetzt, woher es kommt.
PS: Ich habe ihn wiedergefunden. Dr. Peter S. Er praktiziert noch immer.
Curt Liberty