Wien, 1987. Ich trat aus einer Wohnung am Schwarzenbergplatz, auf dem Weg nach unten. Über die Treppe kam mir ein großer Mann in einem dunklen Nadelstreifenanzug entgegen. Ich wusste sofort, wer er war. Es war Ronald Lauder, der Botschafter der Vereinigten Staaten in Österreich. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan hatte ihn nach Wien geschickt, und seine Mutter war Estée Lauder, deren Kosmetikfirma schon damals riesengroß war. Sein Gesicht sah man fast täglich in der Zeitung und im Fernsehen.
Er lächelte, blieb stehen und reichte mir die Hand. Wir waren uns im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit schon mehrmals begegnet. Wir unterhielten uns einige Minuten über Wien und über seine Arbeit, auch über Persönliches. Seine Bodyguards waren nicht bei ihm. Sie warteten unten im Eingangsbereich. Er war allein, ohne das Personal von der amerikanischen Botschaft, das ihn sonst immer umgab. Das war das Besondere an dieser Begegnung, denn sonst kam man an ihn kaum heran.
Von diesem Zusammentreffen ist mir vor allem seine Art in Erinnerung geblieben. Er war sehr freundlich, aber nicht aufgesetzt freundlich, offen und herzlich, ohne diese reservierte Haltung, die ich in Wien oft erlebt hatte. In seiner Stimme lag eine Energie, die man fast körperlich wahrnahm, wo ich sonst ein eher flaches, energieloses Sprechen zu hören gewohnt war. Später ist mir das bei anderen Menschen wieder begegnet, die in den USA aufgewachsen waren.
Ich arbeitete als junger Mann als Privatsekretär für das größte Pelzmodehaus Österreichs, in Wien, mit einem weiteren Geschäft in Budapest. Es war ein Großhandel für Felle, mit eigenen Schnitt- und Designabteilungen und eigener Kürschnerei, in der Pelzmode nach den Entwürfen unserer Designerinnen gefertigt wurde. Dazu gehörte ein riesiger Salon, sehr französisch im Stil, mit Kundschaft aus aller Welt. In diesen Salon kamen viele berühmte Menschen.
Das Unternehmen gehörte einer großen jüdischen Familie, die mir auch alle Schlüssel zum Geschäft und die Codes der Alarmanlagen anvertraute. Ich konnte jederzeit überall ein- und ausgehen. So lernte ich sehr früh, Verantwortung zu übernehmen und zu tragen, echte Verantwortung. Mit der Familie hatte ich viel zu tun, beruflich und privat.
Die Wohnung der Familie, aus der ich an diesem Tag kam, lag in einem wunderschönen alten Jugendstilhaus direkt neben der französischen Botschaft, ganz oben im letzten Stock, und das Treppenhaus dorthin war unfassbar elegant. Die Wohnung selbst war eine riesige Altbauwohnung, mit Salon und allem Drum und Dran, stilvoll, elegant und voll mit moderner Kunst der damaligen Zeit. Dort gingen Menschen aus Kunst und Kultur, Film und Fernsehen, Wirtschaft, Industrie und Politik ein und aus, und sie kamen privat. Solche Begegnungen gab es also immer wieder, und von einigen werde ich in Zukunft noch schreiben.
Dass Ronald Lauder dort privat erschien, war nicht ungewöhnlich. Die Familie pflegte ein persönliches Verhältnis zu ihm, über das jüdische Leben in Wien und über die Kunst. Lauder sammelte seit seiner Jugend die Wiener Kunst der Jahrhundertwende. Seinen ersten Schiele hatte er als Jugendlicher gekauft. Heute ist er Ehrenvorsitzender des Museum of Modern Art in New York.
Bewachung gehörte in diesem Umfeld zum Alltag. 1981 hatte es in Wien einen Anschlag auf die Synagoge im Zentrum gegeben, Ende 1985 einen auf den El-Al-Schalter am Flughafen Schwechat. Auch ich musste darauf achten, wer Zugang bekam und mit wem ich über welche Themen sprach.
Wien lag 1987 am Rand des Westens. Die Grenze zur Tschechoslowakei war keine Autostunde entfernt, die zu Ungarn kaum weiter. Beide Länder gehörten zum Warschauer Pakt, und ihre Grenzen waren mit Stacheldraht und Wachtürmen gesichert. Man nannte das den Eisernen Vorhang. Wer von drüben in den Westen wollte, riskierte sein Leben. Und für viele Menschen aus dem Osten war Wien die erste Stadt im Westen, die sie zu sehen bekamen.
In die andere Richtung, nach Ungarn, ging es mit Pass und Visum. Unser Geschäft in Budapest lag mitten im Zentrum, in allerbester Lage, und ich fuhr immer wieder hinüber, auch für unsere Modenschauen.
Österreich war seit 1955 neutral. Es gehörte weder zur NATO noch zum Ostblock, und gerade deshalb trafen sich in Wien beide Seiten. Die Stadt war ein Sitz der Vereinten Nationen und auch der OPEC. Diplomaten aus Ost und West verhandelten hier miteinander. Dazwischen arbeiteten die Geheimdienste beider Lager, oft getarnt als Botschaftspersonal oder als Geschäftsleute.
Wien galt als Drehscheibe der Spionage, bis hinein in die amerikanische Botschaft. Lauders Stellvertreter Felix Bloch, den er 1987 aus Wien entfernen ließ, geriet zwei Jahre später unter Verdacht, für Moskau gearbeitet zu haben. Bewiesen wurde es nie.
Vor Lauder hatte Ronald Reagan eine Frau aus seinem engsten Umfeld nach Wien geschickt. Helene von Damm war gebürtige Österreicherin, mit zwanzig nach Amerika ausgewandert, und hatte ihm seit seinen Jahren als Gouverneur von Kalifornien als Sekretärin gedient. 1983 kam sie als seine Botschafterin in ihr Herkunftsland zurück. Anfang 1986 verließ sie den Posten, nachdem ihre Heirat mit dem Besitzer des Hotel Sacher für Aufsehen gesorgt hatte. Auch ihr bin ich begegnet, bei uns im Salon.
In diesem Wien war ich mit einer Tochter Kurt Waldheims bekannt. Man sah sich bei gesellschaftlichen Anlässen und auf den großen Wiener Bällen, und man tanzte.
Ihr Vater war seit 1986 Bundespräsident. Davor war er von 1972 bis 1981 Generalsekretär der Vereinten Nationen gewesen, ein Österreicher an der Spitze der Weltorganisation. Im Wahlkampf um das Präsidentenamt war bekannt geworden, dass er einen Teil seiner Jahre im Nationalsozialismus verschwiegen hatte. Er war Mitglied einer SA-Reiterstandarte und des NS-Studentenbundes gewesen und später Offizier der Wehrmacht auf dem Balkan, in einer Zeit und einer Gegend, in der Juden deportiert und Kriegsverbrechen begangen wurden. Gestritten wurde darüber, was er gewusst hatte und welche Verantwortung er trug, in Österreich und weit darüber hinaus. Im Juni 1986 wurde er gewählt.
Österreich hatte sich nach dem Krieg lange als erstes Opfer Hitlers verstanden. Mit dem Streit um Waldheim geriet dieses Bild ins Wanken, und das Land musste sich mit der eigenen Rolle in diesen Jahren auseinandersetzen. Im April 1987 setzten die Vereinigten Staaten den österreichischen Bundespräsidenten auf die sogenannte Watchlist und verweigerten ihm damit die Einreise. Ronald Lauder war ihr Botschafter in Wien.
Ich arbeitete für eine jüdische Familie und tanzte mit der Tochter des Mannes, über dessen Vergangenheit die halbe Welt stritt. Und auf einer Treppe sprach ich mit dem Botschafter des Landes, das ihrem Vater in diesem Jahr die Einreise verweigerte. So war das damals, 1987.
Eine internationale Historikerkommission kam 1988 zu dem Ergebnis, dass Waldheim keine eigene Beteiligung an Kriegsverbrechen nachzuweisen war, dass er aber von Verbrechen in seiner Umgebung gewusst und nichts dagegen unternommen hatte. Er blieb bis 1992 Bundespräsident und starb 2007.
Im selben Jahr wurde Ronald Lauder Präsident des Jüdischen Weltkongresses, und das ist er bis heute. Diese Organisation hatte 1986 maßgeblich dazu beigetragen, Waldheims Vergangenheit öffentlich zu machen.
Wenn ich an Ronald Lauder denke, sehe ich trotzdem zuerst die Treppe am Schwarzenbergplatz und einen großen Mann im Nadelstreifenanzug, der auf dem Weg nach oben stehen blieb und mir die Hand reichte.
Curt Liberty