Ich habe dieses Lied heute wieder gehört. Irgendwo im Vorbeigehen, nach all den Jahren.
Sommer 1985. Günter und ich ließen uns heimlich das linke Ohrläppchen stechen. Zu Hause wusste das natürlich niemand. Unsere Familien kannten einander gut. Seine Schwester und meine waren beste Freundinnen.
Wir waren sechzehn und beschlossen, mit unseren Vespas von Wien nach Kärnten zu fahren. Nach Velden am Wörthersee, auf den Campingplatz, wo schon ein paar Freunde aus unserer Wiener Clique ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Wir nahmen die Bundesstraße über den Semmering, besuchten dort Günters Großmutter auf Sommerfrische, und fuhren weiter durch die Steiermark hinunter nach Kärnten. Dreizehn Stunden, mit der Vespa, im Geruch von Zweitaktgemisch.
Wir wechselten uns immer wieder ab, wer vorn fuhr. Ich sehe Günter heute noch vor mir, mit dem ganzen Gepäck hinten darauf, auf diesen ewig langen Straßen. Es war echt lässig.
In Erinnerung geblieben ist mir der Ort Hirt. Dort steht eine Brauerei und das Bier daraus war damals Kult in Wien. Das Wetter war auf jeden Fall schön.
In Velden fanden wir den Campingplatz, unsere Freunde und bauten das Zelt auf. Und dann begann er, der Sommer. Wir waren ungefähr zehn, zwölf Leute.
Klaus Biedermann war auch dabei. Er fuhr als Einziger keine Vespa, sondern eine Lambretta. Das war für uns ein ganz besonderer Roller. Und dann war da noch Ariane, aus Deutschland, mit ihren Eltern am Platz. Sie hieß wie die Weltraumrakete. Die meisten Jungs waren in sie verliebt. Ich nicht.
Mit sechzehn ist die Stimmung ausgelassen und bombig, so gehört sich das. Wir waren schwimmen, wir lagen am Strand, wir waren abends in den Lokalen, Clubs und Discos.
Den Campingplatz hatten wir gewählt, weil wir damit mobil waren. Wir hatten unser Zelt, schmissen die Sachen hinein und waren unterwegs. Tagsüber fuhren wir mit den Vespas rund um den See, nach Pörtschach, nach Maria Wörth, nach Klagenfurt. Es war einfach cool.
Der Wörthersee 1985 hatte einen ganz eigenen Vibe. Ein bisschen mediterran, ein wenig Saint-Tropez und sehr international. Das Wasser war glasklar, etwas türkis schimmernd, auf dem See fuhren Sportboote aus den Fünfzigerjahren aus edlem Holz, am Ufer stand das Schlosshotel, und die Leute waren schick angezogen.
In diesem Sommer spielte Udo Jürgens in Velden. Die Plakate hingen überall, wir sahen tagelang den Bühnenaufbau, und am Samstagabend hörten wir das Konzert von draußen.
Es gab aber auch diesen einen Song, der lief überall, rauf und runter. In jeder Bar, in jedem Club, in jeder Disco, und keiner wusste so genau, warum überhaupt. Tutta la vita. Von Lucio Dalla. Ich wusste nur, dass es darin ums Leben ging. Ich hatte es danach noch jahrelang im Kopf.
Am Campingplatz hatten wir Spaß, frisierten unsere Motoren und fuhren dann Probe. Das zog natürlich den Unmut der anderen Gäste auf sich. Und irgendwann, an einem Nachmittag, gegen 15 Uhr, als es gerade in Strömen zu regnen begann, kam die Leitung — und wir flogen raus. Okay, zu Recht.
Also bauten wir alle gleichzeitig unsere Zelte ab und waren dabei sofort selbst komplett nass. Die Planen stopften wir dann nass in die Säcke. Wir überlegten, wie es nun weiterging. Wir fuhren als Gruppe in die Stadt, und dort kamen wir auf die Idee, alle unsere Sachen in Schließfächer am Bahnhof zu lagern. Das war die Lösung.
Wir sperrten die Rucksäcke ein und gingen abends in die Clubs und Discos. Drei Tage und Nächte blieben wir noch. Einen Platz zum Schlafen hatten wir keinen. Also feierten wir einfach durch und lagen tagsüber am Strand. Es war anstrengend und wir hatten wenig Schlaf, aber es war lustig und schön.
Tutta la vita.
Und in diesem Sommer verliebte ich mich. Sie hieß Elke, war in meinem Alter und kam aus der Nähe von Villach. Schülerin, im Sommer Zimmermädchen in einem Hotel. Sie war wirklich bezaubernd. Wir sahen uns erst abends, denn tagsüber arbeitete sie.
An einem Abend stand sie in einer Disco an der Bar. Alles war laut und in Bewegung. Sie blieb ruhig in der Menge und schaute sich das an. Das hat mir gefallen. Und sie interessierte mich.
Wir konnten richtig gute Gespräche führen, sogar über Politik, Gesundheit und Tourismus. Wir verstanden uns gut, von Anfang an. Und irgendwann küssten wir uns. Ob schon beim ersten Mal oder erst, als ich zurückkam, weiß ich heute nicht mehr. Wir waren verliebt. Als wir auseinandergingen, sagte ich ihr, dass ich sie noch einmal in Kärnten besuchen komme.
Dann waren die Tage vorbei. Günter und ich wollten die lange Strecke nicht mehr mit den Rollern zurückfahren. Wir waren dann viel zu müde. Also holten wir unser Gepäck aus den Schließfächern und stellten die Vespas in den Gepäckwagen der Bahn. In Wien holten wir sie wieder ab, und es ging nach Hause.
Ich hatte die ganze Zeit an diesem Ohrstecker herumgespielt, und dadurch begann sich mein Ohrläppchen zu entzünden. Gott sei Dank erst, als der Urlaub schon vorbei war. Ich trug ihn danach nicht mehr. Er war nur für diese eine Reise gewesen.
Aber Elke ging mir nicht aus dem Kopf. Wir schrieben uns Briefe. Ich glaube, wir haben auch telefoniert, aber sicher bin ich mir nicht mehr. Telefonieren war damals nicht so einfach. Zu Hause hatte man oft Zuhörer, also suchte man sich irgendwo eine Telefonzelle. Und der andere musste auch erst einmal erreichbar sein.
Und eines der nächsten Wochenenden fuhr ich allein mit dem Zug zurück nach Kärnten. Dort quartierte ich mich in ein kleines Hotel am Wörthersee ein. Es war einfach, aber sehr angenehm. Das Frühstück auf der Terrasse mit wundervoller Aussicht habe ich heute noch in schöner Erinnerung. Es war alles wie in einem Film der fünfziger Jahre, mit Peter Alexander.
Elke und ich, wir sahen uns noch zweimal. Es wurde nichts aus dieser Liebe. Wir waren zu jung, die Distanz war zu groß. Wir schrieben uns noch eine Weile, und dann verlief es sich. Eine liebevolle, unerfüllte Sommerliebe ging zu Ende. Ohne dass zwischen uns wirklich etwas passiert wäre.
Tutta la vita.
Manchmal, so wie heute, wenn ich dieses Lied höre, denke ich mit ein wenig Wehmut an diese Zeit zurück. An eine Zeit, die verschwunden zu sein scheint.
Was für eine wunderschöne Zeit.
An meinem linken Ohrläppchen ist die Stelle übrigens noch zu sehen. Eine kleine Narbe, nach all den Jahren.
Tutta la vita.
Danke an alle, die Teil dieser Erinnerung sind. Ich trage sie mein Leben lang.
Curt Liberty